SEO, Ausschreibungen und die Un-Kultur
geschrieben am 11.02.2009 von StefanTim Ringel, Gründer von Metapeople, einer Suchmaschinenagentur aus Duisburg, hat in seinem privaten Blog die Vorgehensweisen mancher “Kunden” beschrieben. “Der Verfall der Ausschreibungskultur”, so ist der Beitrag treffend benannt und ich bin durchaus überrascht, dass ein derartig unsinniges Verhalten so verbreitet ist.
Tim schildert, wie es ihm nun schon mehrmals passiert ist, dass mögliche Kunden eine große Ausschreibung durchziehen, am Ende aber keinen Auftrag an die Teilnehmer vergeben. Auf Nachfrage bekommt er dann zu hören:
“Sorry, euer Konzept war klasse und das beste, die Qualität der Vorstellung und der Konzeption absolut überzeugend, wir werden Euer Konzept nun mit einem günstigeren Anbieter umsetzen”
Ähnliches hört man aus anderen Marketing-Bereichen ja öfters und ich vermag nicht zu beurteilen wie sinnvoll (aus Sicht des Auftraggebers) sowas dort ist. In meiner vielleicht naiven Vorstellung kann eine einmal konzipierte Plakatkampagne durchaus von einem Dritten umgesetzt werden. Aber SEO ist anders. SEO heißt, alle Feinheiten einer Website und das Geschäftsmodell genau verstanden zu haben. Die Einzelmaßnahmen sind detailliert aufeinander abzustimmen, schon eine kleine, absolut unwichtig erscheinende Änderung kann zum Totalverlust führen.
Gibt ein Auftraggeber also das von Agentur A ausgetüftelte Konzept zur Umsetzung an die Billig-Agentur X, weiß X nicht, warum jede Einzelmaßnahme so sein muss wie im Konzept beschrieben. Im Endergebnis wird das Konzept nicht richtig umgesetzt und so wichtiges Potenzial verschenkt. Die Frage, wie moralisch ein solches Verhalten ist, lasse ich hier mal außen vor. Eigentlich muss man dazu sowieso keine Worte verlieren. Überraschend finde ich nur, dass das öfters vorkommt. Zumeist wissen die Kunden ja doch, dass SEO ein sehr dynamisches Gebiet ist und kaum durch eine Einmal-Optimierung umgesetzt werden kann.
Ich habe einen ähnlichen Fall auch selbst erlebt: Der Kunde betrachtet mein SEO-Konzept und meint dann: “Ach, das können wir selber ja auch!” und setzt es selbst um. Nachdem sie die Teile des Konzepts, die sie verstanden haben, realisierten, steigt der Traffic auch richtig schön an. Schließlich war ihr Google-Traffic vorher quasi nicht-existent und außerdem liegt das Projekt auf einer alten und sehr gut verlinkten Domain. Alle sind dort also glücklich und zufrieden – möchte man meinen. Offenbar aber hat die Eigen-SEO-Maßnahme dem Kerngeschäft nicht weit genug geholfen. Denn gestern lese ich auf ihrer Website, dass sie nun selbst SEO als Dienstleistung anbieten.
10 Kommentare
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Gero
11. Februar 2009 12:11In puncto Werbeagenturen kann ich das teilweise bestätigen. Da gibt es zumindest zur Zeit häufiger Pichtes, die dann am Ende keinen Sieger bzw. kein Budget haben. Die geschilderten Absichten grundsätzlich zu unterstellen wäre aber IMHO zu einseitig.
Auch dein Problem kenne ich. Du machst nen SEO-Check und hast ja quasi schon das Negativ zu einer Konzeption. Dann will der Kunde den Check im Detail vor einer Beauftagung sehen…
Wir haben das durch ein Scoring-System gelöst. In mehreren Kategorien gibt es Testschritte und am Ende bekommt der Kunde dann sein Ergebnis in der Form: “Domain-Setup 4/6″, “HTML-Formatierung 3/7″, “Umfeld (4/10)… usw. – dazu gibt es dann ein paar anschauliche Beispiele für Schwächen oder auch die auch die Einzel-Topics ohne genauere Beschreibung der Problemlösung.
Wenn der Kunde eine ausführliche Beschreibung für jedes Problem + die passende Maßnahme haben will, muss er das Konzept bezahlen. Bei Beauftragung der Umsetzung ist das allerdings inklusive…
Stefan
11. Februar 2009 13:32Für meine Consultant-Projekte betrifft mich das Thema eher seltener, denn da ist die Erstellung des Konzepts Teil des Auftrags. Deshalb überrascht es mich, dass das doch relativ häufig vorkommt. Sicher steht da nicht immer von vornherein Absicht dahinter. Oft sagt wohl einer der Beteiligten beim Fast-Kunden: “Ach, das können wir selber doch genau so. Warum dafür so viel Geld ausgeben?” Und dann setzt man das selber um; eine billigere Agentur aber damit zu beauftragen, das halte ich für ganz frech.
Ron
12. Februar 2009 00:50Einfach eine Rechnung schreiben. In unserem Bereich 200 EUR die Stunde für einen Senior und 90 EUR für alles darunter. Wenn die Rechnung abgewiesen wird, dann auf Spesen und Stunden der Vorbereitung klagen.
Wenn man ganz clever ist, dann patentiert man im Vorfeld sein Konzept als Kreativ-Leistung. Sollte es dann aber sein.
Den richtigen Anwalt fuer derlei Auseinandersetzungen vermittle ich gern, wenn es um Konzerne oder Verlage geht.
eric
13. Februar 2009 13:10Ron: Willst du echt potentielle Kunden verklagen? Meist bekommt man ja nicht so ein direktes Feedback sondern die Beauftragung wird immer weiter verzögert – und am Ende hat man ja doch noch Hoffnung, dass sie das selber nicht hinbekommen und sich dann wieder melden. So geht das bei uns jedenfalls.
Habe aber auch keine andere Idee…
eric
FirstDayBlack
13. Februar 2009 17:49Mit solchen Kunden sollte man sich erst gar nicht abgeben. Die bringen Unzufriedenheit und Magengeschwüre, aber niemals Aufträge. Lesetipp: High Probability Selling. Das Buch behandelt genau das Thema. Nur mit Kunden ernsthaft befassen, die wirklich abschlusswillig sind und nicht seine Zeit mit den anderen vertrödeln.
Ralph
23. Februar 2009 14:12Dieses Phänomen ist weder neu noch zukunftsweisend, aber trotzdem gibt es genug Menschen, die von Ihrer Nase bis zur Nasenspitze denken und sich als die Klügsten er Welt halten. Leider hilft Einem es nicht weiter, da man selbst Zeit und Know How investiert hat, die bzw. das man nicht bezahlt bekommen hat. Hinzu kommt, dass man selbst seine Kosten decken muss und somit in einer Zwickmühle sich befindet.
Diese Art von Menschen bedenken aber nicht, dass es bekanntlich nach einem deutschen Sprichwort: “So wie es in den Wald herein schallt, schallt es auch wieder heraus!” immer eine Kehrseite Ihrer Verhaltensweise gibt. Als geprellter potenzieller Auftragnehmer wird man über diesen Kunden weder positiv reden, noch von ihm etwas konsumieren oder gar weiter empfehlen.
Ralph
Suchmaschinen & SEO - Februar 2009 - Inhouse SEO
1. März 2009 13:21[...] Stefan hat das Thema auch noch mal [...]
Ron
4. März 2009 01:49@eric – deiner ausdauer zolle ich respekt. aber sind wir ehrlich. die erfahrungen lehren uns, dass ein marketing-entscheider aus seiner “inhouse-angestellten-position” sehr selten sich selbst eingestehen wird, dass die “gescreenten” agenturen die besserere wahl gewesen waeren – ein oft klarer fall von eitelkeit eines jobnehmers gegenueber des eigentlichen unternehmers. in der regel schlaegt die allgemeine fluktuation dann auch noch zu buche. der einstige “entscheider” ist entweder weg im neuen job oder aber laesst dann nach neuen agenturen suchen ueber einen ihm nachgelagerten mitarbeiter, der dann bei erneutem misserfolg “bluten” muss.
also vergiss die hoffnung;-)
Ron
4. März 2009 02:15@ firstdayblack: ein weg. noch stupider wird der ansatz zu kalkulieren, dass der kunde das bekommt, was er zu zahlen bereit ist. mit anderen worten soll das bedeuten, drueckt er den preis, dann macht der “prakti” dann den job. dann kommen auch die magengeschwuere irgendwann.
Martin Schröder
16. März 2009 15:08Mal das Ganze aus Kundensicht: Wir wollten vergangenes Jahr die SEO-Aktivitäten für eines unserer Online-Projekte an eine externe, Berliner Agentur vergeben. Keine der angesprochenen Agenturen konnte oder wollte ein für uns auch nur halbwegs nachvollziehbares Konzept erstellen. Es hieß stets “wir machen’s für xyz Euro”, aber wenn wir nachgefragt haben, WAS denn gemacht wird, dann hieß es, dass man das leider so genau nicht sagen könne, da wir es sonst ja selbst machen könnten. Na toll. Wir haben uns aber an SEO-Agenturen gewandt, weil wir es eben gerade nicht selbst machen wollten. Jetzt machen wir es notgedrungen doch weiterhin selbst, hilft ja nüscht. So blauäugig sind wir dann ja auch nicht, dass wir “einfach so” eine Agentur beauftragen, ohne vorher zu klären, welche Leistungen erbracht werden. Sehr schön war auch das Angebot einer Firma, die einen extrem krummen Betrag von 3.124 Euro (so ähnlich zumindest) im Monat veranschlagt hatte, und die bei der Nachfrage, wie sich dieser krumme Betrag denn errechnen würde, absolut keine Antwort wusste. Das war keine 2-Mann-Klitsche, es gab dort rund zehn Mitarbeiter.
Ich weiß nicht, ob das vorgehen der von uns kontaktierten Agenturen typisch für die Branche ist, aber bei mir blieb das Gefühl zurück, dass man es doch überwiegend mit Firmen zu tun hat, die beim Stichwort SEO das große Geld wittern und die potentielle Kunden eh für ahnungslos und naiv halten. Es ist kein schönes Gefühl, als “Opfer” betrachtet zu werden und nicht als “Partner”.